Besuch im Dom- und Diözesan-Museum in Mainz

Am Dienstag, den 6. Februar 2001, hatte ich gegen 11.30 Uhr im Dom- und Diözesanmuseum in Mainz einen Termin bei Herrn Dr. phil. Winfried Wilhelmy, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums.

Wie kam es zu diesem Termin?

Im Rahmen des Ausbaus unserer Familien-Internet-Präsenz hatte ich mir vorgenommen, dass von Bernd Thonemann in seinem Buch beschriebene Evangeliar in Augenschein zu nehmen.

Ein Evangeliar ist ein Buch mit Exzerpten aus den vier Evangelien (Johannes, Lukas, Markus und Matthäus), dass im Gottesdienst benutzt wird, um der Kirchengemeinde und den Besuchern aus dem Leben Christi vorzulesen.

Wie wir wissen, hat unser Vorfahre Dr. Heinrich Thöne im Jahre 1621 dem Stift St. Viktor ein Evangeliar gestiftet. Er war dort Kantor und Kanonikus. Um im wohlhabenden St. Viktor ein Amt bekleiden zu können, so führte Herr Dr. Wilhelmy aus, bedurfte es eines nicht unbeträchtlichen Vermögens, da der Stift zur Erfüllung seiner Aufgaben auch das Geld seiner Würdenträger nutzte.

Zur zeitlichen Einordnung ist zu erwähnen, dass in dieser Zeit Erzbischof Johann Schweikard von Kronberg im Amt war (1604 – 1621), der bei den Jesuiten gelernt hatte und als theologisch sehr gebildet galt.

wilhelmy

Dr. phil. Winfried Wilhelmy, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dom- und Diözesanmuseums zu Mainz.

Herr Dr. Wilhelmy zeigte sich erfreut, dass es heute noch Nachfahren dieses überaus wohlhabenden und bekannten Vorfahren gibt. Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass dieser Prachteinband trotz aller Kriege und Raubzüge im wesentlichen, so wie er damals gestiftet wurde, erhalten geblieben ist.

Herr Dr. Wilhelmy hatte das Evangeliar in der Kapitelstube zum Besichtigen und Anfassen!!! ausgelegt (Zum Schutz des Buches mußte ich zum Anfassen weiße Baumwollhandschuhe überziehen).

Die Kapitelstube ist der Raum, in dem die Bischöfe im 18. Jahrhundert ihre neuen Bischöfe wählten. Die Wände waren u. a. mit den Porträts ehemaliger Bischöfe zu Mainz geschmückt. Es war für mich ein sehr feierlicher und bewegender Moment, zum ersten Mal so eine Kostbarkeit und dann noch von einem (verstorbenen) Familienmitglied in Natura zu besichtigen. Das Evangeliar ist, wie schon Bernd Thonemann schreibt, in rotem Leder eingebunden und hat als Schauseite nicht die Vorderseite, sondern die Rückseite. Frau Sigrid Duchhardt-Bösken schreibt in der Mainzer Zeitschrift, Jahrgang 86, 1991: „Hier ein Versehen beim Binden anzunehmen, ist als Erklärung unbefriedigend; vielmehr wird durch diesen „Lapsus” bewußt eine spiegelbildliche Symmetrie während der gleichzeitigen Benutzung im Gottesdienst erreicht.”

Evangeliar des Heinrich Thöne (Thonemann), Kantor und Kanonikus von St. Victor um 1621 Foto: Magrit Hankel 2001

Evangeliar des Heinrich Thöne (Thonemann), Kantor und Kanonikus von St. Victor um 1621 Foto: Magrit Hankel 2001

Auf der linken Deckelinnenseite des Evangeliars ist der Hinweis zu lesen, wer diesen prachtvollen Einband gestiftet hat. Auf der rechten Seite sind die verschiedenen Exzerpte in der Übersicht zu sehen, aus denen während der Gottesdienste vorgelesen wurde. Foto: Magrit Hankel 2001

Evangeliar des Heinrich Thöne (Thonemann), Kantor und Kanonikus von St. Victor um 1621, Foto: Magrit Hankel 2001

Evangeliar des Heinrich Thöne (Thonemann), Kantor und Kanonikus von St. Victor um 1621, Foto: Magrit Hankel 2001

Evangeliar des Heinrich Thöne (Thonemann), Kantor und Kanonikus von St. Victor um 1621, Foto: Magrit Hankel 2001

Handschrift:

  • Pergament fol. 31,6 x 23 cm,
  • gotische Minuskel mit blau-roten Filigranbuchstaben und Rankenmuster.
  • Ab Blatt 10 die Umrahmungen roh im 17. Jahrhundert übermalt.
  • Auf Vorsatzblatt Eintragungen von 1621.
  • Verkehrt gebunden. Um 1400.

Die einzelnen Seiten des Evangeliars bestehen aus Handschriften auf Pergament und sind etwas größer als ein DIN A 4 Blatt. Es sind 16 beidseitig beschriebene Blätter, die nicht gezählt sind. Die Handschriften, die um 1400 datiert werden, wurden Anfang des 17. Jahrhunderts mit farbigen Randleisten und Initialen versehen. Sie beinhalten den Festkreis von Epiphanie bis Mariä Geburt.

Laut Aussage von Herrn Dr. Wilhelmy ist das Evangeliar noch ein kleines und leichtes Buch, da es von einem Mann getragen werden kann. Es gibt Handschriften, die sind so schwer, dass Sie von zwei Männern getragen werden müssen.

Auf der Deckelinnenseite gibt es den Hinweis auf unseren Vorfahren zu lesen: „Zum Ruhm des besten und höchsten Gottes und seiner heiligen Evangelien habe ich, Heinrich Thönen, ein Westfale aus Warburg, Kantor und Kanonikus von St. Viktor, dieses Buch im Äußeren ausschmücken lassen, im Jahre der Menschwerdung Christi 1621″. Zur Erläuterung: Kantor ist ein Organist, Kanonikus ist ein Mitglied des geistlichen Rates und „im Jahre der Menschwerdung Christi” bedeutet Weihnachten.

Wie im Familienbuch von Bernd Thonemann beschrieben, ist die Schauseite (Rückseite) ein Deckel gearbeiteter hoher Holzkasten. Frau Duchhardt-Bösken führt dazu aus: „Dieser sehr kräftige, aus einer unprofilierten Schräge bestehenden Rahmen besitzt eine Doppelfunktion: einmal erzielt er eine perspektivische Wirkung, indem der den Deckel zum „Gehäuse” für den zentralen Figurenschmuck werden läßt, zum anderen verhindert er eine Beschädigung desselben beim Aufliegen des Deckels.”

Einband:

  • Deckel ist ein hoher Holzkasten, außen mit rotem Leder bezogen.
  • Vertiefung und Seitenwände des Kastens mit versilbertem Kupferblech ausgeschlagen.
  • In vergoldeter Auflage gegossene Figürchen und durchbrochene Ornamentecken.
  • Christus am Kreuz mit Maria und Johannes. Zwei Engel mit Kelchen.
  • Oben Wappen mit Kleeblattkreuz. dat. 1621.
  • Bis 1621 dem Stift St. Victor gehörig, dann bis 1793 St. Johannes, dann dem Dom.
Dom zu Mainz

Der Erzbischof Willigis, zugleich Erzkanzler des Deutsches Reiches, begann 975 mit der Errichtung des Mainzer Doms, in dem sich auch das heutige Dom- und Diözesanmuseum befindet. Im Laufe der Jahrhunderte fanden hier sieben Königskrönungen statt.

Bei der Beschreibung des Figurenschmuckes möchte ich wiederum auf die Schilderung von Frau Duchhardt-Bösken nicht verzichten, weil sie sehr zutreffend und anschaulich ist: „Beim Evangeliar besteht der figürliche Schmuck in einer Kreuzigungsgruppe in kräftigen Relief, deren einzelne Bestandteile – Christus am Kreuz, Totengebein zu Füßen, die Schrifttafel mit ausgesägten Buchstaben, Maria und Johannes schlank und hochgewachsen auf Konsolen – gleichmäßig über den Fond verteilt sind. Leere Stellen werden durch Blut auffangende Engelchen gefüllt. Die fehlende gemeinsame Basis, die ungleiche Größe – Christus ist in mittelalterlicher Manier gegenüber den Assistenzfiguren hervorgehoben – lassen eher ein dekoratives Nebeneinander denn das Miteinander einer wirklichen Gruppe entstehen.”

Herr Dr. Wilhelmy erwähnte, dass das Totengebein zu Füßen Christi die Gebeine von Adam sind, der in Golgatha begraben ist (der Legende nach).

Es ist wirklich beeindruckend, was die Silberschmiede zu dieser Zeit (um 1620) zu leisten in der Lage waren. Welch eine Klarheit und Reinheit in der Form und Gestaltung. Sie zeugen von der hohen handwerklichen Kunst zu Beginn des 17. Jahrhunderts, trotz des sehr eingeschränkten Kulturaustausches bedingt durch die kriegerischen Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges. Da in dieser Zeit viele Kunstwerke zugrunde gingen oder verschleppt wurden, gebührt dem Evangeliar, als eines der wenigen übrig gebliebenen Prachtbände, die größte Aufmerksamkeit.